Kapitel 5

Einige praktisch wichtige Funktionen von Herzschrittmachern

In diesem Kapitel wird Basiswissen über die spontane elektrische Herztätigkeit vorausgesetzt. Es werden einige Eigenschaften, Funktionen, und Anwendungsbeispiele von Schrittmachern (SM) erklärt soweit sie im Rahmen der Anästhesie und operativen Intensivmedizin praktisch wichtig erscheinen. Die Anwendung erfolgt in diesen Bereichen im allgemeinen

als überbrückende Notfallbehandlung,

als Sicherheit perioperativ bei gefährdeten Patienten. Das sind zum Beispiel Patienten mit AV-Blockierungen oder "bifaszikulären Blockbildern" im EKG, vor allem wenn sie in der Vorgeschichte schon Anfälle von Bewußtlosigkeit (Synkopen) hatten,

Bifaszikulärer Block: Die Erregungsleitung im rechten und linken TAWARA-Schenkel ist gestört. Dadurch besteht die Gefahr der Kammerasystolie.

in der Frühphase nach Herzoperationen.

Die Geräte bleiben dabei außerhalb des Körpers ("externe Schrittmacher").


Teil 1: Gerätebeschreibung

Geräte zur Schrittmacherbehandlung haben zwei Fähigkeiten:

1. Wahrnehmung von spontanen Herzaktionen = sensing (engl. to sense = fühlen, spüren). Die Empfindlichkeit der Wahrnehmung ist einstellbar: Je höher die Milli-Volt-Zahl (mV) eingestellt ist, desto unempfindlicher ist die Wahrnehmung. Die mV-Zahl gibt an, wie hoch die Spannung eines elektrischen Spontanimpulses des Herzens sein muß, damit das Gerät ihn registriert. Bei hoher Einstellung der mV-Zahl werden Herzaktionen nicht wahrgenommen. Maximale mV-Zahl bedeutet also minimale Empfindlichkeit. Praktisch bedeutet das: Wenn das Gerät spontane Herzaktionen wahrnehmen soll (demand-Funktionen, siehe weiter unten), muß die mV-Zahl niedrig eingestellt sein. Wenn die Zahl hoch eingestellt ist, arbeitet das Gerät unabhängig von der spontanen Herzaktion.

2. Aussendung von Schrittmacherimpulsen (Stimulation, pacing) (engl. pace = Schritt, pacemaker = Schrittmacher), und dadurch Auslösung von Erregungen des Herzens. Die Reizstrom-Stärke (Volt oder Ampere) kann eingestellt werden. In Notfällen kann die Reizstärke einfach auf den maximalen Wert gestellt werden. Bei längerer Anwendung wird ausprobiert, welche Reizstärke für die Auslösung einer Erregung erforderlich und ausreichend ist. Einstellung auf den minimalen Wert hat zur Folge, daß keine Stimulation stattfindet: Der Reizstrom ist zu schwach um das Herz zu erregen.

Die Ströme für beide Funktionen werden durch Kabel (auch Sonden genannt) geleitet, die vom Herzen zum Schrittmacher-Gerät führen (Abb.1).

Schrittmachersonden können, ähnlich wie ein zentraler Venenkatheter, über große Venen (Jugularis, Subklavia) in den rechten Vorhof oder Ventrikel vorgeschoben werden. Dieser Weg ist vor allem zur vorübergehenden Stimulation im Rahmen der Notfallbehandlung oder perioperativ gebräuchlich. Im allgemeinen wird dabei nur der Ventrikel gesenst" und/oder stimuliert. Die Sonden haben meistens, außer den Elektroden, einen kleinen aufblasbaren Ballon zur Erleichterung des Einschwemmvorgangs.


Abbildung 1: Externe Schrittmachersonde 

Bei der Implantation von Geräten zur Dauertherapie erfolgt die Plazierung der Sonden ebenfalls durch Venen, nur daß hier das Gerät im Brustbereich operativ "eingepflanzt" wird. Diese Anwendungen fallen in das Gebiet der inneren Medizin.

Im Rahmen der Herzchirurgie werden vorübergehende Sonden intraoperativ an der Herzoberfläche befestigt. Durch Anlegen getrennter Sonden an Ventrikel und Vorhof können aus diesen beiden Herzabschnitten unabhängig voneinander Aktionen wahrgenommen werden, und es können auch die Vorhöfe und die Kammern unabhängig voneinander erregt werden ("Bifokale Schrittmacher"). Eine zeitlich angepaßte Erregung von Vorhöfen und Ventrikeln (wie bei der natürlichen Herztätigkeit) ist hämodynamisch wesentlich günstiger, als eine nur ventrikuläre Stimulation. Näheres dazu weiter unten.


Teil 2: Einstellmöglichkeiten der Geräte

Bei den einfachsten Schrittmacher-Geräten ­ und diese reichen in den meisten Fällen aus ­ können folgende Parameter eingestellt werden (Abb.2):

1. Frequenz

2. Ventrikel-sensing (Wahrnehmungsempfindlichkeit)

3. Ventrikel-pacing (Reizstromstärke)



Abbildung 2: Einfaches externes Schrittmachergerät

Bei Geräten mit Vorhof-Funktionen (Abb.3) können zusätzlich folgende Parameter eingestellt werden:

4. Atrial-sensing (Vorhof-sensing)

5. Atrial-pacing (Vorhof-pacing)

6. Atrio-ventrikuläre Überleitungszeit (AV-DELAY; engl. delay = Verzögerung)

7. Betriebsart ("MODE"; 3-Zeichen-Code: siehe unten)

Abbildung 3: "bifokales" Schrittmachergerät

Einstellung des Betriebsmodus mit dem 3-Zeichen-Code

Der 3-Zeichen-Code ist zwar manchmal schwer zu verstehen, aber international gebräuchlich. Deshalb soll er hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist zwar letztlich wichtiger die Funktionsweisen zu verstehen, als den Code "übersetzen" zu können, aber die nachfolgenden Beispiele mit den möglichen Codes können helfen die Möglichkeiten der Programmierung zu verstehen. Der Code kennzeichnet die eingestellte Betriebsart mit 3 Zeichen oder Buchstaben. Es ist manchmal möglich dieselbe Betriebsart unterschiedlich auszudrücken. Moderne Schrittmachergeräte zur Langzeitanwendung haben noch ein oder zwei weitere Code-Zeichen zur Kennzeichnung spezieller Funktionen. Darauf wird hier nicht eingegangen.

Erste Position (erstes Zeichen): Ort der Stimulation,

Zweite Position (zweites Zeichen): Ort der Wahrnehmung,

Dritte Position (drittes Zeichen): Reaktion auf das wahrgenommene Signal

Für die erste und zweite Position sind folgende Bezeichnungen möglich:

V = Ventrikel (Herzkammer)

A = Atrium (Vorhof)

D = Doppelt (= A und V)

Bedeutung des Zeichens in der dritten Position: Auswirkung der Wahrnehmung einer Herzaktion ("sensing", Zeichen an der zweiten Position) auf die Stimulation ("pacing", Zeichen an der ersten Position). Mögliche Einstellungen:

T = Triggerung = Auslösung eines Impulses,

I = Inhibierung = Unterdrückung eines Impulses,

D = Inhibierung und/oder Triggerung. Diese Funktion erscheint schwer verständlich. Sie wird gebraucht bei Geräten mit der Einstellmöglichkeit (Mode) DDD. In den Beispielen weiter unten wird das hoffentlich etwas deutlicher.

0 (Null) = keine Reaktion.

Zusätzlich wird durch die Einstellung der Reizwahrnehmung und der Stimulationsstärke die Betriebsart beeinflußt. Wenn zum Beispiel Vorhof-Wahrnehmung eingestellt ist (zweites Zeichen A oder D), aber die Wahrnehmungsschwelle für den Vorhof (atrial sensing) auf einem hohen mV-Wert steht, werden die Vorhofaktionen nicht wahrgenommen. Die vom Herzen während der Vorhoferregung ausgesandten Ströme (P-Welle des EKG) sind schwächer als die eingestellte Schwelle. Anderes Beispiel: Ventrikel pacing eingestellt (erster Buchstabe V oder D), aber Ventrikel-Impulsstromstärke auf minimalem Wert: Eine Stimulation findet nicht statt, weil der Reizstrom zu schwach ist, um das Herz zu erregen. Bei den externen Geräten gibt es Kontroll-Lämpchen für Wahrnehmung (SENS) und Stimulation (PACE). Die SENS-Lämpchen blinken, wenn eine Spontanaktion wahrgenommen wird. Die PACE-Lämpchen blinken wenn ein Impuls ausgesandt wird. Wenn der Stimulationsstrom sehr schwach eingestellt ist (wie im Beispiel einige Zeilen weiter oben), blinkt zwar das PACE-Lämpchen, aber am Herzen "passiert" nichts.


Teil 3: Einige praktisch wichtige Einstellungen

Die folgenden Beispiele sollen helfen, die einfachsten Prinzipien der SM-Programmierung zu verstehen. Die beschriebenen Funktionsweisen sind alle unter der Code-Bezeichnung DDD realisierbar. Zum Verständnis sind aber "Teilbereiche" dargestellt. Es ist unvermeidlich, daß die Absätze sich zum Teil inhaltlich überschneiden. Sie werden sehen, daß in den verschiedenen Absätzen zum Teil gleiche Funktionsweisen beschrieben werden. Nur die gedankliche Annäherung ist unterschiedlich. Eine Anmerkung noch: Es ist nicht möglich, aus dem EKG die eingestellte SM-Programmierung herzuleiten. Lediglich die im Moment der Ableitung realisierte Funktion ist unter Umständen erkennbar.


1. festfrequent" und demand"

Wenn man sich vorstellt, daß vom Herzen keinerlei spontane Erregungen ausgehen, kann das Schrittmachergerät einfach mit einer gewünschten Frequenz betrieben werden ohne daß man sich über die sensing-Funktion Gedanken machen muß. In den allermeisten Fällen ist die Situation jedoch so, daß durchaus Spontanaktionen des Herzens vorhanden sind. Diese sind allerdings zu langsam oder unregelmäßig (Beispiel: Sick-Sinus-Syndrom mit zeitweiser Bradykardie oder Asystolie). Auch die Überleitung von den Vorhöfen auf die Kammern kann nur zeitweise gestört sein. Beispiel: Ein AV-Block I° geht zeitweise in einen totalen AV-Block (III°) über. Solche zeitweisen Blockierungen der atrio-ventrikulären Überleitung werden als AV-Block II° bezeichnet. Wenn nun in solchen Fällen ein Schrittmacher mit konstanter Frequenz das Herz stimuliert, bleibt es nicht aus, daß manche Schrittmacherimpulse unkoordiniert, das heißt zu ungünstiger Zeit, das Herz erregen. Man nennt diese Situation "Parasystolie". Sie führt zu hämodynamischen und elektrischen Störungen der Herzaktion. Wenn Ventrikel-Stimulations-Impulse zu ungünstiger Zeit in der elektrischen Systole das Herz treffen ("vulnerable Phase") können lebensgefährliche Rhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern ausgelöst werden. Eine unkoordinierte Vorhofstimulation ist in ihren Folgen weniger schwerwiegend, da lediglich atriale Störungen "verschlimmert" werden können (Vorhofflimmern, Vorhofflattern). Bei demand-Funktionen nimmt der Schrittmacher die spontanen Herzaktionen wahr und tritt nur in Aktion, wenn diese ausbleiben. Nach jedem QRS-Komplex ist eine kurze Sicherheitszeit fest programmiert, in der keine Ventrikelstimulation möglich ist. Die oben genannten Gefahren bestehen dann nicht. Konsequenterweise sollten also möglichst immer demand-Funktionen eingestellt werden, das heißt die sensing-Funktion sollte aktiviert sein. Einige Beispiele werden in den folgenden Abschnitten beschrieben.


2. Ventrikuläre Stimulation bei Absinken der Spontanfrequenz ("Ventrikel demand")

Funktionsweise: Die Ventrikel-Wahrnehmung ist empfindlich eingestellt (kleine mV-Zahl). Die Ventrikel-Stimulation steht auf einem ausreichend hohen Wert. Die Frequenz ist auf den gewünschten Wert eingestellt, z. B. 60/min. Ist die spontane Herzaktion schneller als 60/min, wird durch die wahrgenommenen Aktionen (sensing) die pacing-Funktion unterdrückt ("inhibiert"). Das SENS-Lämpchen blinkt im Rhythmus der spontanen Herzaktion. Bei Abfallen der Spontanfrequenz unter den eingestellten Grenzwert werden Ventrikelstimulationen mit der eingestellten Frequenz ausgelöst (Abb.4). Jetzt blinkt das PACE-Lämpchen mit der eingestellten Frequenz. Steigt die spontane Herzfrequenz später wieder über die eingestellte Frequenz, werden die SM-Aktionen wieder unterdrückt.

Da die vom Schrittmacher ausgelösten elektrischen Aktionen der Herzkammern nicht dem natürlichen Erregungsweg (AV-Knoten HIS-Bündel  rechter und linker TAWARA-Schenkel) folgen, sondern "irgendwo", das heißt an der Sondenspitze, beginnen, gleichen sie im Erregungsablauf ventrikulären Extrasystolen. Sie können auf dem EKG-Monitor auch leicht mit solchen verwechselt werden, und sind wie diese von der Pumpfunktion her ungünstiger als die natürliche Kammererregung. Der SM-Impuls ist im EKG als schmale senkrechte Linie erkennbar (Abb.4).


Abbildung 4: Ventrikel-demand

Code: VVI
(Erstes Zeichen V: Der Ventrikel wird stimuliert, zweites Zeichen V: Spontane Ventrikelaktionen werden vom Gerät wahrgenommen ("gesenst"), drittes Zeichen I: Wenn eine Spontanaktion wahrgenommen wird, wird die Stimulation unterdrückt (= inhibiert). Einstellung im DDD-Code: Falls eine Vorhofsonde liegt, wird die Reizschwelle für den Vorhof hoch eingestellt und die Vorhofstimulation niedrig. Die Vorhoffunktionen sind dadurch außer Kraft gesetzt. Ventrikel-SENS und Ventrikel-PACE sind aktiv.

Anwendung: Als Sicherheit bei möglichen bradykarden Rhythmusstörungen verschiedener Ursache. Einfache und sichere Methode für den Notfall oder als Sicherheit perioperativ. Anwendung auch implantiert zur Dauertherapie.

Auf operativen Intensivstationen, die keine herzchirurgischen Patienten versorgen, und für die gelegentliche Anwendung perioperativ, ist das Verständnis dieser Betriebsart ausreichend. Am Ende dieses Kapitels ist ein Anhang mit einer Anleitung zur Plazierung einer transkutanen SM-Sonde für VVI-Betrieb.


3. Vorhofstimulation

Funktionsweise und Anwendung: Störungen der natürlichen Schrittmacherfunktion durch den Sinusknoten (z. B. Sick-Sinus-Syndrom, Sinu-atrialer Block, ausgeprägte Sinusbradykardie), aber intakte Überleitung vom erregten Vorhof auf den Ventrikel (also kein AV-Block). Der SM übernimmt bei Absinken der spontanen Frequenz die Funktion des Sinusknotens (Erregung des Vorhofs). Die weitere Erregung des Herzens folgt dem natürlichen anatomischen und zeitlichen Ablauf (Abb.5).


Abbildung 5:Vorhof-Stimulation

Vorteil: zeitlich koordinierte Erregung von Vorhöfen und Kammern, Kammererregung im natürlichen Ablauf über HIS-Bündel und linken und rechten TAWARA-Schenkel, dadurch hämodynamisch günstige Ventrikel-Kontraktion.

Code: Möglich wäre zum Beispiel AAI. Erstes Zeichen A: Der Vorhof wird stimuliert, zweites Zeichen A: Spontane Vorhofaktionen werden "gesenst", drittes Zeichen I: Wenn spontane Vorhofaktionen wahrgenommen werden, wird die Stimulation unterdrückt. Diese Betriebsweise entspräche VVI (siehe oben), nur eben für den Vorhof. Die Ventrikelfunktionen sind außer Betrieb.

Im allgemeinen wird man jedoch so verfahren, daß man die Ventrikel-demand-Funktion aktiviert. So hat man eine Kontrolle, ob auch tatsächlich eine AV-Überleitung und Erregung des Ventrikels stattfindet. Ausschließliche AAI-Stimulation würde bei unerwartetem Auftreten eines AV-Blocks III° eine Ventrikel-Asystolie nicht verhindern.

Manche Geräte haben kein Vorhof-sensing. Wir wollen uns zuerst die damit möglichen Einstellungen klarmachen. Es wird gerätebedingt nur der Ventrikel "gesenst" (wie bei Ventrikel-demand). Sinkt die Ventrikelfrequenz unter den eingestellten Grenzwert, beginnt ­ nur ­ eine Vorhofstimulation. Code AVI: Wenn Ventrikelaktionen wahrgenommen werden (zweites Zeichen V), wird die Vorhofstimulation (erstes Zeichen A) unterdrückt (drittes Zeichen I). Diese Funktionsweise ist ähnlich wie VVI oder AAI weiter oben. Falls unerwartet eine Störung der AV-Überleitung auftritt (AV-Block II° oder III°), sollte zusätzlich gewährleistet sein, daß auf die Vorhoferregung auch eine Kammererregung folgt. Es sollte also in diesem Fall auch eine Stimulation des Ventrikels erfolgen. Man muß dazu eine geeignete AV-Überleitungszeit (AV-DELAY) einstellen und den Ventrikel-Stimulationsstrom ausreichend hoch. Die Code-Bezeichnung ist DVI. Was findet tatsächlich statt? Bei intakter AV-Überleitung wird der Ventrikel nach Stimulation des Vorhofs auf natürlichem Wege erregt. Das Gerät "senst" die Ventrikelaktion. Wird keine Ventrikelaktion (QRS-Komplex) wahrgenommen (infolge Vorhofasystolie oder AV-Blockierung), wird zuerst der Vorhof stimuliert. Bleibt dann eine Ventrikelaktion aus (wegen AV-Block) folgt nach der eingestellten Überleitungszeit (AV-DELAY) die Ventrikelstimulation. Wenn Vorhöfe und Ventrikel nacheinander erregt werden, nennt man das sequentielle Stimulation (Abb.6). Wahrgenommene spontane QRS-Komplexe inhibieren die Stimulation von Vorhof und Ventrikel.


Abbildung 6: Sequentielle Stimulation

Geräte mit der Möglichkeit des Vorhof-sensing ermöglichen weitere Betriebsarten. Darauf wird in den folgenden Abschnitten näher eingegangen.


4. Sequentielle Bedarfs-Stimulation

Funktionsweise und Anwendung: Diese Betriebsart ist günstig, wenn sowohl die Vorhoferregung gestört ist, zusätzlich aber auch die Überleitung vom erregten Vorhof zum Ventrikel (AV-Block II° oder III°).

Der Vorhof wird bei Absinken der spontanen Frequenz in der eingestellten Frequenz stimuliert ("Vorhof-demand"). Nach einer am Gerät einstellbaren Verzögerungszeit (AV-DELAY) wird etwas später der Ventrikel stimuliert (Abb.6).

Die Verzögerungszeit entspricht der AV-Überleitungszeit (PQ-Zeit) der natürlichen Herzaktion. Im allgemeinen werden etwa 150 msec eingestellt. Wird die Herzaktion vom Vorhof vor Ablauf der AV-DELAY-Zeit auf den Ventrikel übergeleitet, wird sie vom Ventrikel-sensing wahrgenommen, und es erfolgt keine Ventrikel-Simulation durch den SM. Das EKG sieht dann aus wie in Abb.5.

Vorteil: hämodynamisch vorteilhafte zeitlich koordinierte Aktionen von Vorhöfen und Kammern. Anpassung sowohl an die spontane Herzfrequenz (Vorhoffrequenz), als auch an wechselnde Zustände der AV-Überleitung bzw. -Blockierung.

Code: DDD. Sowohl für den Vorhof, als auch für den Ventrikel sind die sensing-Funktion und die pacing-Funktion aktiv und werden je nach vorliegender Störung realisiert.


5. Vorhof-getriggerte Ventrikelstimulation

Anwendung: Bei AV-Überleitungsstörungen (AV-Block), aber intakter Vorhoferregung durch den Sinusknoten. Ein AV-Block bei intakter Sinusknoten-Funktion ist eine relativ häufig vorkommende Störung.

Funktionsweise: Die Einstellung und Funktion des Geräts entspricht der im vorhergehenden Absatz. Die Beschreibung geht aber von einer intakten Sinusknotenfunktion aus. Das Gerät nimmt die Vorhoferregung wahr (Atrial-SENS empfindlich eingestellt). Nach der eingestellten Verzögerungszeit (AV-DELAY) wird der Ventrikel erregt (Ventrikel-PACE ausreichend hoch eingestellt). Im Betrieb blinken das Atrial-SENS-Lämpchen und nach der AV-DELAY-Zeit das Ventrikel-PACE-Lämpchen (Abb.7).

Vorteil: Ausgezeichnete Betriebsart bei AV-Blockierungen, da die natürliche Anpassung der Herzfrequenz an unterschiedliche Belastungen erhalten bleibt.

Nachteil: Wie bei allen Funktionen mit Ventrikel-Stimulation wird das Ventrikelmyokard hämodynamisch ungünstig erregt.

Codebezeichnungen: DDD wie im vorhergehenden Abschnitt. Die hier tatsächlich ablaufende Funktion könnte man auch mit VAT beschreiben: Die spontane Vorhofaktion wird gesenst (zweites Zeichen A), und dadurch die Ventrikelstimulation (erstes Zeichen V) "getriggert" (drittes Zeichen T)


Abbildung 7: DDD. VAT realisiert



Anhang: Praktisches Vorgehen zur Einrichtung einer vorübergehenden VVI-Stimulation

Zuerst muß eine "Schleuse" in eine ausreichend große Vene eingelegt werden. Danach ist es günstig zu zweit zu arbeiten. Eine Person legt mit sterilen Handschuhen die Sonde ein, eine zweite bedient das Gerät. Die folgende Beschreibung liest sich furchtbar kompliziert, ist aber in Wirklichkeit ziemlich einfach. Man braucht ein einfaches externes SM-Gerät (Abb.2) und eine SM-Sonde (Abb.1).

1. Sonde am Gerät anschließen,

2. SENS auf minimalen Wert (kleine Zahl = hohe Empfindlichkeit) stellen,

3. PACE auf den niedrigsten möglichen Wert stellen,

4. Frequenz auf einen Wert stellen, der sicher niedriger ist als die derzeitige Spontanfrequenz des Patienten.

5. Gerät einschalten. Wenn ein MODE-Schalter vorhanden ist, diesen auf DDD oder VVI stellen. Das PACE-Lämpchen blinkt jetzt in der eingestellten Frequenz.

Nun wird die Sonde durch die Schleuse in die obere Hohlvene geschoben, der Ballon aufgeblasen, und die Sonde langsam unter ständiger Beobachtung der Lämpchen (!) weiter vorgeschoben. Nach Erreichen elektrischen Kontakts mit dem Herzen fängt das SENS-Lämpchen an im Rhythmus der spontanen Herzaktion des Patienten zu blinken. Das PACE-Lämpchen erlischt.

Manchmal ist der elektrische Kontakt besser bei nicht gefülltem Ballon. Es können aber während der Positionierung leichter Extrasystolen ausgelöst werden.

Wir wissen jetzt allerdings noch nicht, ob das Gerät Vorhof- oder Ventrikel-Aktionen wahrnimmt. Um das zu erfahren müssen wir probeweise stimulieren:

6. Frequenz höher als die spontane Herzaktion einstellen: Das PACE-Lämpchen fängt wieder an zu blinken.

7. Stimulationsstrom (PACE) langsam hochdrehen und den EKG-Monitor (!) beobachten. Wenn die Stromstärke hoch genug ist wird das Herz stimuliert. Am EKG-Monitor sieht man entweder eine Vorhofstimulation (AAI, Abb.5) oder eine Ventrikelstimulation (VVI, Abb.4). Wenn ersteres der Fall ist, schieben wir die Sonde noch etwas weiter bis wir eine Ventrikelstimulation sehen.

8. Wenn die Sonde nur zur Sicherheit gelegt wurde, können wir die Frequenz jetzt wieder auf einen gewünschten Grenzwert ­ - niedriger als die aktuelle Spontanfrequenz ­ - zurückdrehen. Ein praktikabler Wert wäre 60/Minute. Das PACE-Lämpchen erlischt wieder und das SENS-Lämpchen blinkt im Herzrhythmus.

9. Fertig. Sollte die Frequenz des Patienten unter 60/Minute fallen wird im VVI-Mode stimuliert.



Fragen zur Selbstkontrolle

Nennen Sie Möglichkeiten des Einsatzes vorübergehender Schrittmacherbehandlung.

Welche Gefahr besteht, wenn die sensing-Funktion des Ventrikels nicht aktiviert ist?

Wie kann diese Gefahr vermieden werden?

Welche Lämpchen blinken bei spontaner Herzaktion (Frequenz 85/min) und der Einstellung VVI (Frequenz 50/min)?

Und bei "umgekehrter" Frequenz (SM 85/min, spontan 50/min)?

Welche Lämpchen blinken bei Vorhof-Stillstand (Vorhof-Asystolie) des Herzens (Herzfunktion ansonsten intakt) und der Einstellung DDD?


Zurück zum Seitenanfang
Zurück zur Kapitelübersicht